Im Rahmen der formellen Beteiligung hat der Fahrgastverband PRO BAHN NRW zum Entwurf des Nahverkehrsplans des Zweckverbandes Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) Stellung genommen und gravierende Mängel festgestellt. Die bisherigen Aufgaben des NWL werden zum Jahreswechsel 2027 auf einen landesweit tätigen Aufgabenträger „Schiene NRW“ übergehen: Künftig wird der Regional- und Nahverkehr auf der Schiene in Nordrhein-Westfalen zentral aus einer Hand organisiert.
Es geht dem Fahrgastverband PRO BAHN bei den dargestellten Forderungen zum Nahverkehrsplan des NWL überwiegend nicht darum, „mehr“ zu fordern, sondern die Aufgaben sauber und interessengerecht zu regeln und mit geringem Aufwand große Wirkung zu erzielen.
Der aktuelle Schienenverkehr ist gekennzeichnet durch Verspätungen, Zugausfälle und Baustellen. Den sich daraus ergebenden Herausforderungen scheint der NWL nur begrenzt gewachsen zu sein.
Schon das Konzept des Nahverkehrsplans ist unübersichtlich und intransparent. Um Antworten auf konkrete Fragen zu finden, muss man sich durch ein auf 560 Seiten aufgeblähtes Dokument wühlen, in dem Themen weit verstreut behandelt werden, getrennt nach Bestandsaufnahme, Handlungsempfehlung und konkreter Umsetzung. Dadurch ist nicht mehr nachvollziehbar, ob konkrete Absichten korrekt von der Bestandsaufnahme abgeleitet wurden.
Für Konflikte, etwa zwischen knappen Finanzen und drängenden Anforderungen, gibt es meistens keine Kriterien für die Lösung. Vielmehr will der Nahverkehrsplan die Entscheidungen ohne Vorgaben in die Hand der Geschäftsleitung legen, die dann nach dem Zufallsprinzip und auf der Grundlage von Lobbygruppen entscheiden darf.
Die Bewältigung von Streckensperrungen wird als „Zukunftsaufgabe“ bezeichnet, obwohl schon heute jeden Tag irgendwo Eisenbahnstrecken wegen Bauarbeiten gesperrt sind.
Dass beim Umsteigen Anschlüsse den Fahrgästen vor der Nase wegfahren, ist Standard, der NWL verfügt aber offenbar nicht über Daten wo und wie oft das geschieht und hat auch keine Konzepte, wie das Problem zu beheben ist. Für Ausfälle von Fahrzeugen wird nur mangelhaft vorgesorgt.
Auch regional ist ein deutliches Ungleichgewicht in der Arbeit des NWL festzustellen. Erst die Analyse durch den Fahrgastverband PRO BAHN legt offen, dass in Ostwestfalen-Lippe ein überproportionaler Nachholbedarf im Ausbau der Strecken besteht. Selbst zwischen Oberzentren wie Bielefeld und Paderborn gibt es keine schnelle Verbindung und außer einer Idee für die ferne Zukunft keine konkreten Handlungskonzepte. Für die Stadt Detmold stellt sich heraus, dass die Stadt mit Regierungspräsident und Hochschulen als einzige in Westfalen-Lippe am Abend (konkret: nach 20.49 Uhr) vom nächstgelegenen Oberzentrum und ICE-Bahnhof nicht erreichbar ist, während man alle anderen Städte dieser Größe und Bedeutung gegen Mitternacht erreichen kann.
Auch beim Deutschlandtakt, für den die Bundesregierung plant, nimmt der NWL die Interessen der Region nicht wahr und versäumt, die Planungen im Interesse der Region mitzugestalten.
Der Fahrgastverband PRO BAHN ist sich dessen bewusst, dass angesichts der aktuellen Finanzlage und der Tatsache, dass die meisten Finanzmittel von der Bundesregierung kommen, keine „großen Sprünge“ für die Zukunft des Schienenverkehrs zu erwarten sind. Gleichwohl ist es nicht zukunftsfähig, ohne realistische Ziele weiterzuwursteln und sich von Krise zu Krise zu hangeln, wie es in den allerletzten Jahren der NWL praktiziert hat. Die Beschönigung nach Art von Werbebroschüren, die sich an vielen Stellen des Nahverkehrsplans findet, lenkt von den Problemen ab und ist nicht geeignet, die verantwortlichen Bundespolitiker zum Handeln zu veranlassen. Zwar entwickelt der NWL mit einem „Zielfahrplan 2040“ beachtliche und weitgehend gute Pläne, diese können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass gegenwärtig ein Mangel zu verwalten ist und es darauf ankommt, diesen im Sinne der Fahrgäste zu gestalten. Es darf nicht geschehen, dass Fahrgäste erst mit drei Tagen Vorlauf von Bauarbeiten erfahren und wegen dieser Bauarbeiten ihren Arbeitsplatz eine Stunde später erreichen als normal. Solches ungeschminkt zu beschreiben, gehört in eine ehrliche Bestandsaufnahme, ist aber im Nahverkehrsplan nicht zu finden.
Auf den künftigen Aufgabenträger für den Schienenverkehr kommen große Herausforderungen zu. Die Zusammenlegung der bisher drei Institutionen für den Schienenverkehr soll die Stimme Nordrhein-Westfalens gegenüber der Bundespolitik stärken. Der Fahrgastverband PRO BAHN ist bereit, konstruktiv daran mitzuwirken. Dafür sind die täglichen Erfahrungen der Fahrgäste auf den Bahnsteigen und in den Zügen zwischen Aachen und Minden, zwischen Rheine und siegen von großer Bedeutung, denn für die Bedürfnisse der Fahrgäste geschieht das, was im Nahverkehrsplan gestaltet werden soll.
Die PRO BAHN-Stellungnahme können Sie hier herunterladen.
Den Entwurf des Nahverkehrsplans des NWL können Sie hier herunterladen:
Teil 1 Teil 2
